Geschichte

Brettener Straße

Die bergansteigende Brettener Straße ist ein Teilstück der 1790 urkundlich bezeugten „Rheinstraße“, seit dem Mittelalter als Fernhandelsstraße durch den Kraichgau von Bruchsal über Bretten nach Pforzheim bekannt. Seit 1874 ist sie offiziell benannt nach der Melanchthonstadt Bretten (von 1936-1945: General-Litzmann-Straße). Der Ausbau zur Allee erfolgte kurz vor dem Ersten Weltkrieg, die Bebauung setzte in den 1920er Jahren ein.

Nordstadtschule

Das dreiflüglige, um einen innenliegenden Schulhof gruppierte Schulgebäude an der Brettener-, Sachsen- und Karolingerstraße mit kunststeingegliederten Putzfassaden und Walmdächern wurde nach vorangehendem Wettbewerb (1911) nach Plänen der Architektengemeinschaft Karl Faller und Josef Clev (Pforzheim) in den Jahren 1914-20 als 47-klassiges Schulhaus erbaut. Am Türgewände des ehem. Haupteingangs an der Brettener Straße ist die Jahreszahl „1920“ eingraviert. – Die ursprünglich höheren Dächer wurden nach Kriegsschäden 1949/50 vereinfacht wiederhergestellt. – 2011-2016 erfolgte unter Federführung des städtischen Gebäudemanagements eine grundlegende Instandsetzung der noch von Kriegsfolgeschäden gezeichneten Bausubstanz sowie der Umbau zur zweizügigen Ganztagesschule (Planung: Hyder Consult GmbH Deutschland); die bisherige Turnhalle an der Nordwestecke wich einem Mensagebäude.

Die breitgelagerte Schaufront des Schulgebäudes ist stadträumlich auf einen vorgelagerten Platz bezogen: mit einem Zwerchhaus in der Mitte und seitlichen Risaliten (=Gebäudevorsprüngen), die durch (2015 rekonstruierte) Dachgauben betont werden. Seitlich an der Sachsenstraße führt eine Tordurchfahrt in den Schulhof. Horizontale Gesimse, Lisenen und punktuell eingesetzter Bauschmuck gliedern die drei- und viergeschossigen Fassaden in großzügiger Weise im Sinne des Neoklassizismus. Die reichen Sprossenteilungen der Fenster wurden im Zuge der grundlegenden Instandsetzung 2011-2016 nach historischen Vorbild wiederhergestellt.

Bauschmuck

Mehrere Fassadenreliefs aus Kunstgussstein mit figürlichen Motiven des Jugendstils, angeblich nach Entwürfen des Pforzheimer Bildhauers Emil Salm: Mädchen beim Seilhüpfen, Jungen beim Fußballspiel, Blumenvasen; am ehem. Hauptportal skulptierter Schlussstein mit singenden und Gitarre spielenden Kindern im Stil des „Zupfgeigenhansl“ (=Wandervogels). Über dem Nordeingang Relief eines Jungen beim Schlagballspiel.

Inneres

Mit 47 Klassenräumen sowie Fachräumen und Turnhalle war die Nordstadtschule zur Erbauungszeit eine der größten in Baden. Der Grundriss spiegelt die ursprüngliche Unterteilung in Mädchen- und Knabentrakt mit separaten Eingängen wieder. – Bemerkenswert ist das originale Interieur: In den beiden Foyers farbige Wandkacheln aus der Karlsruher Majolika-Manufaktur mit Schmuckfriesen und Relieftondi nach Musterentwürfen des Münchner Künstlers Franz Naager. – In den Treppenhäusern Wandbrunnen sowie kannelierte Säulen mit Schmuckkapitellen, auf zwei Treppenwangen Putti aus Kunststeinguss von E. Salm (Repliken; Originale im Stadtmuseum). – Zwei Wandbilder im Obergeschoss, datiert „1937“, signiert „A. Ihrig“: „Die Schlacht bei Wimpfen“ und „Alt-Pforzheim um 1646“, aus der Zeit, als die Schule in „Adolf-Hitler-Schule“ umbenannt war. – 2011-2016 Wiederherstellung der Innenraumfarbigkeit der 1920er-Jahre in den Korridoren und Treppenhäusern nach historischem Befund.

Denkmalwert

Die ursprünglich unter dem Namen „Wartbergschule“ geplante Nordstadtschule gehörte zum kommunalen Schulbauprogramm der Ära von Oberbürgermeister Ferdinand Habermehl und bezeugt die kommunalen Anstrengungen zur schulischen Volksbildung im Sinne der pädagogischen Reformbewegung der Jahrhundertwende, die in der Weimarer Republik fortgesetzt wurden. Aufgrund des Ersten Weltkriegs konnte die Schule nach einem Baustillstand erst 1920 fertiggestellt werden. In künstlerischer Hinsicht wurde mit der Ausschreibung eines Architekturwettbewerbs Neuland beschritten: Der aus Bad Godesberg stammende Architekt Josef Clev (1885-1955) begründete mit diesem Schulbau seinen lange andauernden Einfluss in Pforzheim im Sinne der Reformarchitektur. „Die Einfachheit der Formen“, erläuterte er 1913, „ist absichtlich gewählt und soll das ganze Gebäude mehr durch gut verteilte Massen und seine Gruppierung unter Zuhilfenahme lebhafter Farben auf den Beschauer wirken“. An Stelle von Sandstein kam bei diesem Schulbau erstmals in Pforzheim Kunststein für die Fassadendetails zum Einsatz. Keine andere Pforzheimer Schule ist so liebevoll mit kindgerechtem Bauschmuck ausgestaltet wie die Nordstadtschule; neben Emil Salm wirkte dabei die Staatliche Majolika-Manufaktur Karlsruhe mit. Die Innenraumfarbigkeit als Zeugnis des „farbigen Bauens“ der Weimarer Republik wurde 2011-2016 nach historischem Befund wiederhergestellt.

Sport und Spiel

Mit dem Jugendstil kam um 1900 eine pädagogische Reformbewegung auf, die Funktion und Gestalt der Schulbauten veränderte. Weg mit dem sturen Drill des Auswändig-Lernens! Die junge Generation von Pädagoginnen und Pädagogen träumte von der ganzheitlichen Erziehung der Heranwachsenden. Sport, Musik, Kunst- und Werkunterricht erhob man nun zu anerkannten Unterrichtsfächern; Turnhallen, Fachräume und freundlich belichtete Klassenzimmer gehörten zum neuen Standard des reformierten Schulbaus. Die Fassaden der Nordstadtschule bilden diesen Reformgedanken für Jedermann sichtbar optimistisch ab: Da gibt es die fußballspielenden Buben (Pforzheim wurde in den 1920er Jahren zu einer Hochburg des „englischen Rasenspiels“), Mädchen mit Reifen und die zeittypischen „Wandervögel“ der Jugendbewegung, die zur Gitarre sangen (und in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs ihr Leben ließen). Die Nordstadtschule ist nicht nur ein sprechendes Denk-Mal ihrer Zeit – die Reformziele erscheinen noch heute aktuell.

Stadt Pforzheim
Untere Denkmalschutzbehörde
Dr. Christoph Timm